Mein liebster Opa,

Spätestens heute wäre wieder einer Deiner obligatorischen gesichtzerquetschenden Küsse auf die Wange fällig, sobald ich Dein Haus betreten hätte, um Dir zu Deinem 101. Geburtstag zu gratulieren. Es hätte auf Deiner herrlichen Terrasse ein Buffet mit Deinen Lieblingsspeisen gegeben, wozu Focaccia mit Knoblauch, Hering mit Zwiebel, Omas Eiersalat, geräucherter Lachs und Napoleonschnitte zählen. Es hätte Deinen geliebten Baileys gegeben. Und Russische Musik und Dein “Sing, Sing, Sing” in der Jazz-Coverversion von Benny Goodman. Die pure Lust am Leben!

In diesem Sinne Opa, HAPPY BIRTHDAY!

Aber aus Geburtstagen hast Du Dir nicht so viel gemacht; weil man das Älterwerden feiert und es am Ende sowieso nur eine Zahl ist. Das Konzept “Rente” war Dir ferner als fern und Du pflegtest zu sagen “Es muss schrecklich sein, ohne Aufgabe im Leben”. Wie Recht Du doch hast. Kein Mensch auf dieser Welt kann (mir) besseres Beispiel hierfür sein als Du.

Dein Fleiß und Dein Tatendrang waren beispiellos. Nicht selten haben wir in der Koenigsallee gearbeitet, sind dann gemeinsam zu einer großen Veranstaltung gefahren, um auf dem Rückweg nochmal im Büro Halt zu machen und dann um 3:00 Uhr morgens ein wichtiges Fax abzuschicken. Von Deiner Schlagfertigkeit ganz zu schweigen. Du hattest immer eine Antwort parat, wenn es darauf ankam. Dein Charme und Humor waren so galant, dass Dir niemand widerstehen konnte. Jede Kellnerin wollte die Rechnung am Ende selbst bezahlen. Und jedes unserer Familienessen wurde mit mindestens drei Deiner gesammelten Witze belustigt – auch, wenn wir sie schon 50 Mal gehört haben. Bei Verhandlungen hast Du Dein Gegenüber so raffiniert, unauffällig und genau analysiert wie beim Schach und Poker und kamst so zu Deinem Gewinn. Herausragend waren Deine Lebenslust und Deine stetig gute Laune. Jede Einladung musste angenommen werden und Du musstest – am besten mit Oma – überall dabei sein. Alles war wichtig und gut und konnte nur besser werden. Nie hörte ich Dich fluchen; Es gab schier keine Schimpfworte bei Dir. Und dass Du jedem Menschen Respekt gezollt hast und ihm freundlich gegenüber getreten bist, zeichnet Dich besonders aus – vor allem Deiner Vergangenheit wegen, die Du immer unvergessen machen wolltest. Ganz gleich, ob Du aus Buxtehude um Autogrammkarten per Post gebeten wurdest, ob Du nachts schnell noch am Adenauerplatz die Zeitung von Morgen gekauft hast, die Kulturministerin gesprochen hast oder von Wildfremden beim Käsekuchen im Wiener Café unterbrochen wurdest – Du hast keine Unterschiede gemacht. Weiteres Kennzeichen Deines Charakters ist Dein Sinn für Gerechtigkeit. Wenn Dir etwas wichtig war, dann hast Du dafür gekämpft, ohne Wenn und Aber. Als Dich einmal jemand gefragt hat, was denn das wichtigste im Leben sei, so hast Du zur Antwort gegeben: „Das Wichtige von dem Unwichtigen zu unterscheiden”. Exzeptionell war Deine Liebe zu Oma, die jede Sekunde spürbar war. Sie war Deine geliebte Ex-Verlobte (wie Du sie immer so schön vorgestellt hast), die Du mit Stolz an Deiner Seite wusstest. Sie war Deine Beraterin, ohne die Du sicherlich den ein oder anderen Fehler begangen hättest. Sie war Deine Seelenverwandte, mit der Du 71 Jahre Deines Lebens geteilt hast; Ihr zwei habt Euch unendlich geschätzt. Fast so sehr wie Oma, hast Du die Musik geliebt. Wenn Du kein Filmproduzent geworden wärest, dann sicherlich Komponist, denn Dein Sinn hierfür war einmalig. Du hast die wildesten Kompositionen genossen – ganz besonders “In a Persian Market” von Albert Ketelbey – und hast Dich immer von ihnen begleiten lassen oder uns mit Deinem Gesang beschert.

Es mag zwar illusorisch klingen, aber Opa, Du bist genial. Einmalig. Wirklich. Was Du geschaffen hast und was Du alles konntest ist kaum zu glauben.

Mir wurde ein höchst besonderes Geschenk zuteil. Schon früh haben Oma und Du mich als regelmäßigen Gast in der Koenigsallee begrüßt, sodass aus Gast gefühlt eher ein neues, fünftes Kind wurde. Jeden Moment mit Euch durfte ich genießen, jedes Wort aufsaugen und so eine besonders enge Bindung zu Euch beiden aufbauen, die mir in jeder Lebenssituation geholfen hat und hilft.

Ich weiß, dass wir zwei etwas ganz Einzigartiges teilen, Opa. Nicht jedem war es vergönnt von Deinen griechischen Pistazien zu naschen, Dein Besteck zu benutzen, von Dir um Rat gefragt zu werden, Deine besonderen Pralinen mit Dir zu teilen oder Dich bei wichtigen Einladungen begleiten zu dürfen.

Ich kann Dir nicht sagen wie glücklich, ehrfürchtig, dankbar, stolz, geehrt, nobel und gesegnet ich mich fühle, Deine Enkelin zu sein. Du bist mein eindrucksvollster Lehrer, meine tägliche Inspiration, mein weiser Mentor und mein (mich) bedingungslos liebender Opa. Es ist nicht in Worte zu fassen was Du mir in den fast 30 Jahren an Geistigem und Emotionalem geschenkt hast; es ist so kostbar wie keine Juwelen dieser Welt.

Danke, Opa. Danke für das Leben, das mir schlussendlich durch Dein Überleben vergönnt war. Danke für die Momente in der Koenigsallee. Danke für die Umarmungen. Danke dafür, dass Du mir immer zugehört hast. Danke für Deine Unterstützung. Danke für Dein Vertrauen. Danke für Deine Ratschläge. Danke für jedes Deiner Worte. Danke für Deine Liebe. Danke, dass ich bei und mit Dir sein durfte und von Dir lernen durfte.

Ich habe mehr bekommen, als sich ein Mensch nur wünschen kann.

Opa, ich weiß, dass Du nicht sterben wolltest – Du warst das pure Leben! Du hast Deinen Geburtstag vorbereitet, Veranstaltungseinladungen sortiert, täglich die Zeitung gelesen und Deinen Dir so wichtigen “letzten Film” geplant, den Du unbedingt machen wolltest: „Der Mann, der Hitler besiegte”. Falls es Dich ein wenig beruhigt: Dieser Film wird gemacht – Für Dich.

Ich nehme Abschied von meinem wirklich genialen und einzigartigen Großvater, mit den eindrucksvollsten Augen und dem größten Herz; der wichtigste Mann in meinem Leben.

Dich gibt’s nur einmal.

Ich liebe Dich und vermisse Dich. Du bist für immer in meinem Herzen. Du bist unsterblich.

Deine Laura

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