Alice im Produzentenland

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Alice Brauner in den familieneigenen Studios in Spandau. Hier produziert sie gerade ihren dritten Kinofilm.
Foto: Markus Wächter

Als Kind eines legendären Filmmannes hat man es nicht leicht, den eigenen Weg zu gehen. Alice Brauner ist wie ihr Vater Artur dem Jüdischen verbunden. Aber sie hat ihre eigene Sicht darauf, wie man so etwas heute auf die Leinwand bringt.

Es gibt Zufälle, die viel von der Welt erzählen, in der ein Mensch sich bewegt. So ein Zufall begegnet der Filmproduzentin Alice Brauner an einem späten Novembertag in der Kurfürstenstraße 116 in Berlin. Es gibt dort eine schummrige Bar mit plüschigem Mobiliar, sie heißt Kleine Nachtrevue, und Alice Brauner hat sie als einen der Drehorte für den Film ausgewählt, den sie in diesen Tagen produziert. Die Szene, die gerade gedreht wird, spielt in den Siebzigerjahren: Ein junger Mann geht zögernd auf die Bühne, er heißt Victor. „Meine Damen und Herren“, sagt er schüchtern ins Mikrofon, „es folgt heute eine außerplanmäßige Zugabe. Ich kann kein Jiddisch, und ich kann nicht singen.“ Dann singt er stockend ein jüdisches Lied. „Ich hab dich zu viel lieb,/ ich trag auf dich kein Hass,/ ich hab dich zu viel lieb,/ zu machen von dir Spaß …“

Im Publikum steht eine zarte Frau im schwarzen Hosenanzug, eine junge Jüdin. Der Mann geht auf sie zu und fragt, ob sie seine Frau werden wolle. Die Frau zögert. „Nein, nein, ich will ja“, sagt sie dann.

Alice Brauner sitzt am Tresen der Bar und dafür, dass es erst ihr dritter Kinofilm ist, wirkt sie ziemlich entspannt. Plaudert in der Drehpause ein bisschen mit dem Kameramann, begrüßt mit einer Umarmung die Kostümbildnerin, sagt dem Pianisten, wie schön er spielt.

Draußen vor der Kleinen Nachtrevue – und jetzt kommt der Zufall ins Spiel – ist auf den Scheiben einer Bushaltestelle dokumentiert, dass hier der Jüdische Brüderverein zwischen 1908 und 1910 ein Vereins-und Wohnhaus gebaut hat. In der Nazizeit okkupierte die SS das Gebäude, hier saß ab 1941 das „Judenreferat IV B“ von Adolf Eichmann, das die Deportation der europäischen Juden in die Ghettos und später ihre Ermordung organisierte. Alice Brauner ist erstaunt, als sie das in einer Drehpause liest. Von diesem Ort habe sie nicht gewusst.

Das Erbe des Vaters

Also Zufall, dass ausgerechnet hier ein junger Mann einer jüdischen Frau seine Liebe erklärt, in einem Film, den Alice Brauner produziert? Bestimmt, und man kann solchen Merkwürdigkeiten in dieser Stadt an allen Ecken begegnen. Aber wir sind ja beim Film, glauben wir ruhig einen Moment daran, dass das Drehbuch des Lebens diesen kleinen Zufall so wollte. Alice Brauner ist ja selbst Kind einer jüdischen Familie, ihr Vater, Artur Brauner, floh als junger Mann gerade noch rechtzeitig vor Eichmanns Terror aus Polen in die Sowjetunion. Er entkam dem Holocaust, aber 47 Familienmitglieder wurden umgebracht. Das Thema hat den Vater ein Leben lang verfolgt, die Tochter ist damit groß geworden. Der Vater wurde ein berühmter Filmproduzent, die Tochter trat vor ein paar Jahren sein Erbe an und wurde selbst Produzentin. Der Vater und seine Vergangenheit, das Jüdische, die Filmarbeit der Tochter in der Gegenwart, für einen Moment scheint das alles an diesem Ort in der Kurfürstenstraße 116 zu verschmelzen.

Der Film, den Alice Brauner produziert, heißt „Auf das Leben“ und erzählt von der Jüdin Ruth. Sie ist 84 und lebt seit Langem in Berlin. Als Ruth noch jung war, sang sie manchmal in dieser Bar jüdische Lieder, in Rückblenden wird erzählt, wie sie dort Victor kennenlernt, der ihr einen Heiratsantrag macht. Die alte Ruth, sagt Alice Brauner, ist robust, selbstironisch, zufrieden mit ihrem Leben, traumatische Erfahrungen liegen weit hinter ihr. Bis sie erfährt, dass sie ihre Wohnung räumen soll, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen kann. Bis sie ins Seniorenheim muss.

Es gab schon einmal einen Film über Ruth. Artur Brauner hat die Flucht des jüdischen Mädchens vor den deutschen Besatzern nach dem Überfall auf Polen erzählt. Wenn die Tochter sie jetzt fortsetzt, dann ist sie nicht frei von dieser Vorlage. Aber anders als ihr Vater es tun würde, will sie keine Holocaustgeschichte erzählen. „Ruth“, sagt Alice Brauner, „droht ein zweites Mal in ihrem Leben entwurzelt zu werden. Diesmal hat das aber nichts mit der Judenverfolgung zu tun. Wir erzählen vom Berliner Alltag. Es ist auch eine komische Geschichte. “

Ein paar Tage später sitzt Alice Brauner in einem hellen Büro der Filmproduktionsgesellschaft CCC in Berlin-Schmargendorf, sie ist die Geschäftsführerin und bespricht sich mit zwei ihrer Mitarbeiterinnen. An diesem Vormittag geht es um Lizenzen für die alten Filme, die immer noch gerne im Fernsehen gezeigt werden. Um Förderanträge, um sie in zeitgemäße HD-Qualität zu bringen. Um das DVD-Geschäft. Hinter ihr an der Wand hängen Plakate früherer erfolgreicher Produktionen ihres Vaters: Es muss nicht immer Kaviar sein. Der Tiger von Eschnapur. Es geschah am helllichten Tag. Die Spaziergängerin von Sans-Souci. Eine kleine Auswahl der 270 Filme, die Artur Brauner produziert hat und die ahnen lassen, in welche Fußstapfen Alice Brauner da tritt. Vor ihr hängen die Plakate ihrer eigenen vier Produktionen: Der Zug. So ein Schlamassel. Wunderkinder. Mission Housemen – eine Comedy-Serie für’s Internet.

Auf dem Tisch liegt ein dicker Katalog, Brauners Filme, sein Lebenswerk. Nach dem Krieg kommt Artur Brauner nach Berlin und gründet die Central Cinema Company. Er will Filme über den Holocaust machen. Sein erster heißt „Morituri“, Die Todgeweihten, der erste deutsche Nachkriegsfilm, der sich damit auseinandersetzt. Der Film floppt an der Kinokasse, nur wenige wollen das kurz nach dem Krieg sehen. Er verliert an diesem Film sein ganzes Geld und dreht dann erst einmal leichte Kost für’s Publikum: Dr. Mabuse, Edgar Wallace, Karl May. Musikfilme, Komödien, Krimis. Curd Jürgens und O. W. Fischer, Caterina Valente, Romy Schneider, Maria Schell sind seine Stars. Jetzt macht er gute Gewinne.

„Mein Vater setzte das Geld, das er mit dem Unterhaltungskino verdient hat, in Filmprojekten ein, die ihm eigentlich am Herzen liegen“, erzählt Alice Brauner. Anfang der Siebzigerjahre produziert er nur noch solche Filme. Sein „Hitlerjunge Salomon“ gewinnt einen Golden Globe und einen Oscar für das Drehbuch. Er müsse „die Opfer, die Gott nicht beachtete, die keine Gesichter haben, für immer unvergessen machen“, hat Brauner einmal gesagt. Niemand hat so viele Filme über den Holocaust gedreht wie er, 21 liegen in der Bibliothek von Yad Vashem. Kommerziell erfolgreich waren die meisten nicht, Brauner hat nach eigener Auskunft über 18 Millionen Euro mit ihnen verloren.

Alice Brauner hat den dicken Filmkatalog zum 95. Geburtstag ihres Vaters zusammenstellen lassen. Sie bewundert ihn für seine Energie und sein Geschick. Und sie weiß natürlich, dass die vielen Filme des Vaters heute immer noch das finanzielle Fundament sind, auf dem sie selbst produzieren kann. Aber es nervt sie auch, ständig den langen Schatten des Vaters zu spüren. „Egal, was ich mache“, sagt sie, „mir wird einfach nicht zugetraut, das alleine bewerkstelligt zu haben.“ Sie will als eigenständige Produzentin wahrgenommen werden.

Es war nicht ausgemacht, dass Alice Brauner die Firma eines Tages übernehmen würde, auch wenn die Beziehung zum Vater sehr eng war. Als junge Frau will sie sich emanzipieren, eigene Wege gehen. Also studiert sie in Berlin Neuere Geschichte, Politische Wissenschaften und Romanistik, arbeitet als Redakteurin bei ein paar Printmedien, dann als Interviewerin bei der Shoa-Stiftung von Steven Spielberg, die Aussagen von Überlebenden des Holocaust archiviert. Sie promoviert an der TU Berlin, wird Moderatorin beim Fernsehen. Erst kurz bevor sie 40 wird, steigt Alice Brauner auf Wunsch des Vaters in das Familienunternehmen ein.

„Ich wusste ja, dass das nicht leicht wird mit einem, der immer gesagt hat: Es gibt zwei Meinungen – meine und die falsche!“, erzählt sie. „Aber dass es so schwer wird, hätte ich nicht gedacht.“ Sie will jetzt selbst entscheiden, Stoffe entwickeln, Rollen besetzen, das Arbeitstempo bestimmen. Und Artur Brauner will mit über 90 noch immer nicht loslassen. Wenn sie eine Rolle besetzt, hat er jemand anderen im Auge. Wenn sie eine Geschichte erzählt, entwickelt er seine eigene Idee. Wenn sie entscheidet, nur zwei Filme im Jahr zu produzieren, weist er darauf hin, dass er es mal auf 18 gebracht hat.

Der alte Filmmogul will nicht die Kontrolle abgeben, die er ein Leben lang ausgeübt hat. Dass er oft andere Vorstellungen als seine Tochter hat, liegt auch an seiner Vergangenheit. Er will noch immer Geschichten erzählen, die auf möglichst drastische Weise darüber aufklären, was die Nazis den Juden angetan haben. Alice Brauner bevorzugt eine andere Erzählweise. Als sie vor ein paar Jahren „Wunderkinder“ produzierte, ihren ersten Kinofilm über das Schicksal dreier musikalisch hochbegabter Kinder in Kiew 1941, war sie dafür, den Terror, unter dem sie leiden, weniger körperlich als psychologisch darzustellen. Sie leiden, aber nicht sterben zu lassen. Sie hat sich gegen den Vater durchgesetzt. Auf einem Regal steht ROMY, der Österreichische Fernseh- und Filmpreis. Auf dem Sockel steht erstmals ihr Name, Alice Brauner, beste Produzentin eines Kinofilms. Der Film hat viele internationale Preise gewonnen, nur in Deutschland wurde er von den Juroren weitgehend ignoriert. Mit 40 000 Zuschauern war er im Kino auch nicht besonders erfolgreich.

Die Augen blitzen

Alice Brauner ist temperamentvoll, sie redet schnell und die Augen blitzen, wenn sie sich darüber aufregt, dass einer ihrer Filme nicht richtig wahrgenommen wird. Oder wenn sie von ihren Projekten erzählt. Sie zeigt ein Skript, das sie von der Drehbuchautorin Annette Hess entwickeln ließ, die mit der Serie „Weissensee“ erfolgreich war. „Anspruchsvolle politische Unterhaltung“, sagt Brauner. Bisher hat vom Fernsehen niemand angebissen, das ärgert sie. „Man traut mir so ein Projekt nicht zu, weil ich zu jung im Geschäft bin. Und weil es nichts Jüdisches ist. Aber wenn ich dann schon wieder mit einer jüdischen Geschichte komme, spüre ich den Überdruss bei den Sendern.“

Sie sagt, wie sehr sie ihre Produzentenkollegin Regina Ziegler bewundere für ihre vielen Projekte. Aber sie will so nicht arbeiten. Zwei Filme im Jahr, mehr sei für sie nicht zu stemmen. Auch ihrer zwei fünfzehnjährigen Söhne wegen, Zwillinge, für die sie da sein will. Sie sei nicht nur Filmproduzentin, sondern auch eine jüdische Mutter, sagt sie. Eine, die von Mitte, wo die Jungs in die Jüdische Oberschule gehen, noch mal zurück nach Zehlendorf fährt, um das Pausenbrot zu holen, das sie vergessen haben.

„Natürlich möchte ich auch weiter Filme machen, die sich mit dem Jüdischen beschäftigen“, sagt Alice Brauner. Was für ihren Vater der Holocaust war, sei für ihre Generation der jüdische Alltag von heute, jüdische Kultur und Lebensweise. „Wenn ich jüdische Musik höre, mit der ich aufgewachsen bin, dann bekomm’ ich Gänsehaut und fühle eine Verbundenheit, die schwer zu erklären ist.“

„So ein Schlamassel“ ist so ein Alltagsfilm, Alice Brauners erste eigene Fernsehproduktion. Der Film erzählt von den Hochzeitsplänen einer Jüdin mit einem Goi, einem Nichtjuden, und der mittelschweren Katastrophe, als die Familie der Tochter davon erfährt. Auch wieder eine Brauner-Geschichte, denn Alice hat die Familie schon zwei Mal mit so einer Hochzeit konfrontiert. Die hat geschluckt und musste es am Ende akzeptieren. Vom ersten Mann hat sie ihre zwei Kinder. Der zweite stammt aus einem alteingesessenen Münchner Zigarren- und Hutunternehmen und hat selbst eine Filmfirma gegründet. Zu Hause werden gemeinsam die jüdischen Festtage gefeiert. „Mein Mann lebt das Jüdische mit, und ich feiere mit seiner Familie Weihnachten.“

Die Elsner ist der Star

An einem Vormittag Anfang Dezember steht Alice Brauner vor den familieneigenen Filmstudios in Spandau. Ihr Vater hat sie nach dem Krieg in Spandau aufgebaut, all die Stars haben hier gearbeitet. Noch werden Filme gedreht und Alice Brauner wäre es am liebsten, es würde so bleiben. Aber Vater und Brüder sind auch im Immobiliengeschäft, und so kann es gut sein, dass an diesem schönen Ort in bester Wasserlage eines Tages Wohnungen entstehen, weil das mehr Rendite bringt. Ein bisschen würde es Alice Brauner dann so gehen wie ihrer Filmfigur Ruth, die mit der Wohnung einen Ort verliert, der ihr viel bedeutet.

Jetzt wartet sie erst mal auf den Star ihres neuen Films, der noch in der Maske ist. Für die Rolle der späten Ruth hat sie Hannelore Elsner gewonnen, ihre Wunschbesetzung. Sie erzählt, dass ihr Vater in den letzten Jahren öfter versucht habe, die Elsner zu besetzen, aber sie sollte immer ein jüdisches Opfer in der Zeit des Holocaust spielen. Hannelore Elsner wollte sich das nicht anmaßen und hat abgesagt. Man spürt den Stolz darauf, dass Alice Brauner jetzt etwas gelungen ist, das der Vater nicht geschafft hat. Ein Kinofilm mit einem der großen deutschen Filmstars in der Hauptrolle, das könnte die Aufmerksamkeit bringen, die sie sich auch im eigenen Land für ihre Arbeit erhofft.

Hannelore Elsner kommt mit einer Brezel in der Hand aus der Maske, sie trägt braune Slipper, eine Jogginghose und einen Mantel darüber, und stünden da nicht ihr Wohnwagen und ihr Assistent und Taschenträger, könnte man in diesem Moment denken, eine unscheinbare Komparsin habe sich zu der Produzentin gesellt. Hannelore Elsner sagt, dass sie Probleme mit ihrer Gesangsnummer in dem Film habe. Die Produzentin beruhigt sie.

Als dann im Atelier die Scheinwerfer angehen und die Kamera läuft, ist von der unscheinbaren Komparsin nichts mehr zu sehen. Alice Brauner steht beseelt zwischen ein paar Assistenten vor dem Monitor und schaut zu, wie die Elsner ihre Rolle spielt.